Philosophie

First things first: Aging = Altern ist nicht dasselbe wie alt werden. Letzteres ist das kalendarische Aufsummieren von Jahren. Im Alt-Werden wollen wir so wenig wie möglich Alterung. Doch manche Aging-Prozesse sind durchaus erwünscht. Beim Heranwachsen eines Kindes sind gesunde biologische und mentale Reifungsprozesse ja überaus erfreulich. Erinnern Sie sich noch daran, dass Sie unbedingt „erwachsen“ werden wollten? Der Übergang zu dem, was dann nicht mehr erwünscht ist, ist individuell und fließend – teilweise kontrovers. Für Krankheit und Siechtum im späteren Aging gibt es wieder viel Konsens, sie zu verhindern ist erstrebenswert. Nur, warum gibt es diese fortschreitenden Veränderungen, die wir unter Aging zusammenfassen? 

„Warum“ ist in der Biologie und Medizin eher eine philosophische – fast schon metaphysische Frage. „Welchem Zweck dient …“ ist da schon leichter zu beantworten. Kausalität ist schwieriger als Teleologie, sprich Ursachen sind schlechter zu identifizieren als der Zweck eines Sachverhaltes. Demnach ist die Frage, warum altern wir, auch nicht gut mit einem „weil“, aber durchaus mit einem „um zu“ zu beantworten. Etwa (wie oft zu hören): um zu verhindern, dass die unvermeidlichen Veränderungen der Welt und ihrer Bedingungen durch ein unveränderliches, unsterbliches Individuum sehr bald nicht mehr beantwortet werden können (man denke nur an die sprichwörtliche Starrsinnigkeit so mancher älterer Menschen), was mit dem Untergang der Art einhergehen würde, wenn es nicht neue, angepasste Nachkommen gibt. Veränderungen einer Art gehen über die nächste(n) Generation(en). Eine allgemeine Erkenntnis der Evolutionsforschung. Doch trifft das auch für den extrem anpassungsfähigen Menschen zu? Oder liegt hier eine der Antworten für seinen in der Biologie außergewöhnlichen Wunsch, ab einem bestimmten Alter nicht mehr altern zu wollen? Bemerkenswerterweise sind die Phänomene des Alterns genau diejenigen Phänomene, die dem Evolutionsdruck entkommen sind. Alle übrigen biologischen Phänomene führen unter dem Evolutionsdruck zum Gegenteil, zum Überleben. Dennoch gibt es eine Evolutionstheorie des Alterns, auch wenn sie molekularbiologische Befunde dazu weitgehend vermissen lässt. Wie umgekehrt auch in der Molekularbiologie die Evolution des Alterns gepflegt ignoriert wird. 🙂 Aber hier wird es langsam philosophisch.

Albert Einstein muss ja für viel herhalten, also entblöden wir uns mal nicht, den Guten hier anzuführen. Dass er tatsächlich Philosoph war, ist vielleicht auch gar nicht so bekannt, doch enthält eines seiner Werke einen wichtigen Kern für die Deutung der so oft fehlenden Unabhängigkeit von Wissenschaftlern. Einstein erkennt die Ursache dafür bei zahllosen Spezialisten in deren fehlenden philosophischen Background und Bezügen zur Wissenschaftsgeschichte. Dieser Mangel unterscheidet sie von Wahrheitssuchern. Schon gut, schon gut, Philosophie der Wissenschaft ist für die Wissenschaft zunächst mal so nützlich wie die Ornithologie (Vogelkunde) für den einzelnen Vogel (bildlich nach R. Feynman – auch ein Physik-Nobelpreisträger). Der Vogel hat natürlich nichts von der Ornithologie. Doch es hilft, wenn man einordnen kann, womit sich der einzelne gerade beschäftigt, insbesondere in Gebieten, in denen die Begrifflichkeiten nicht sauber verwendet werden. Langer Rede kurzer Sinn: um dem wahren anti-Aging näher zu kommen, ist es notwendig, zu wissen worüber bei Aging geredet wird, damit die Maßnahmen mehr als eine vordergründige Bedeutung bekommen. 

Nominal heißt Altern, dass die Wahrscheinlichkeit zunimmt, dass das Leben endet. Wir suchen die Zeichen oder Symptome dafür und drängen sie zurück oder verlangsamen deren Fortschreiten. Das ist sinnvoll, weil es die Energie durch positives Feedback erhält oder (wieder) freisetzt. Gemeint ist in diesem Fall vor allem das Feedback des Körpers. Anti-Aging ist deswegen im Kern eine mentale Vorgehensweise. Im Hintergrund der Zeichen und Symptome des Agings stehen physiologische Manifestationen durch zunehmende Schädigungen der körperlichen Systeme im Laufe eines Lebens, Reduktion ihrer Reaktionsreserven oder Funktionseinbußen. Und dahinter stehen zelluläre Mechanismen. Real heißt Altern also Störung der zelluläre Ebene.

Der Unterschied dieser beiden Sichtweise (nominales versus reales Aging) ist etwa so, wie eine Betrachtung von Wasser, wie es aus einer Leitung kommt oder mit den Wellen an den Strand schlägt (nominale Definition) gegenüber einer chemischen Sicht, die Wasser als Wechselwirkung von Wasserstoff- und Sauerstoffatomen ansieht. Aging wird heute als eine Veränderung des Metabolismus (= Stoffwechsels) angesehen, einschließlich einer veränderten Kontrolle dieses Metabolismus. Es geht allerdings nicht um ein einzelnes biologisches Phänomen sondern um eine Reihe alters-assoziierter Bedingungen. Demnach gibt es auch nicht den einen Schlüssel gegen Aging. 

Wenn wir nun von anti-Aging sprechen, meine wir also nicht die offensichtliche Entfernung einer Falte durch Hyaluronan (= Hyaluronsäure oder dermaler Filler), sondern betrachten dabei die Wechselwirkungen des Hyaluronans mit dem Gewebe – und da wird z.B. die Art der verwendeten Hyaluronsäure interessant. Eigentlich handelt es sich um ein Gemisch unterschiedlich großer Polymere zweier Zucker, das eine Reihe von Prozessen in den verschiedenen Geweben triggert (anstößt). Hyaluronan füllt nämlich nur vordergründig einen Verlust von Substanz auf. Es arbeitet auch real gegen Aging. Hierin liegt der Unterschied zwischen „ich mache die Falte weg“ und „ich betreibe anti-Aging“. Ansatzpunkte sind Stammzellen-Anregung, epigenetische Veränderungen, Zell-Zell-Kommunikation oder mitochondriale Dysfunktionen, um nur einige zu nennen. Protein-, DNA- oder Mitochondrien-Schäden (Mitochondrien sind die kleinen Energielieferanten der Zellen) sind also in einem ganzheitlichen Ansatz mit zu berücksichtigen. 

Die Angelegenheit wird unübersichtlich durch Phänomene, die quasi zwischen den äußeren Zeichen und den zellulären oder molekularen Mechanismen auftretend: Pathologien wie metabolisches Syndrom, mentale oder emotionalen Störungen, Entzündungsstatus des Körpers und andere. In viele dieser Störungen rutschen wir langsam und unbemerkt durch unsere Lebensweise oder -umstände hinein, bis anscheinend aus heiterem Himmel der dahinter stehende Mechanismus dekompensiert. Dekompensieren kann die hormonelle Steuerung, der Entzündungslevel oder eine kontinuierliche unterschwellige Schädigung des Raumes zwischen den Zellen. Alles nur Beispiele. An der Stelle steht jedenfalls dann die Erkrankung im Vordergrund und muss zunächst beseitigt werden. Das ist Krankheitsmedizin und nicht mehr Gesundheitsmedizin. 

Das nächste Level ist molekular. Hier geht es in der derzeitigen Sicht viel um Schädigungen großer, langlebiger Moleküle (wie die DNA) durch die kleinen Substanzen, die ursprünglich das Leben hervorgebracht haben (wie Aldehyde oder reaktiver Sauerstoff), obwohl diese auch die Entwicklung des Lebens weiter treiben. Dazu gehören auch neuartige Schädigungen wie die durch Glykation. Daher sind anti-Aging Strategien, die die Makromoleküle mit berücksichtigen und deren Schaden reduzieren wollen, sinnvoll. 

Was ist Aging nicht? Es ist nicht nichts. Aging ist keine Krankheit. Es ist nicht durch die Evolution hervorgebracht, um Leben zu beenden. Aging ist überhaupt nicht durch natürliche Selektion entstanden. In dem Sinne sollte anti-Aging also auch nicht ein verlängertes Aging sein, um Leben zu verlangsamen, also in Konkurrenz zum Leben stehen. Anti-Aging soll Aging verlangsamen, um Leben zu verlängern. Und dazu muss es mit einer inneren Veränderung einhergehen. 

Autor: Prof. Dr. Timm Filler

Referenzen: 2021 – Golubev – Biogerontology

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